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Technik

Anzucht unter Kunstlicht

Lichtmenge, Spektrum und Abstand für Sämlinge: was PPFD und DLI bedeuten und wie man eine Anzuchtfläche ohne Rätselraten auslegt.

Zwischen Januar und April fehlt in Mitteleuropa genau das Licht, das frische Sämlinge brauchen. Kunstlicht ist deshalb kein Ersatz für die Sonne, sondern der Unterschied zwischen gedrungenen und vergeilten Jungpflanzen.

Zwei Begriffe, die man braucht

PPFD (Photosynthetic Photon Flux Density) ist die Lichtmenge, die pro Sekunde auf einen Quadratmeter trifft, gemessen in µmol/m²/s. Sie beschreibt die Intensität an einem Punkt.

DLI (Daily Light Integral) ist die Summe über den Tag, in mol/m²/Tag. Sie ist die Größe, die zählt, weil sie Intensität und Dauer verrechnet:

DLI = PPFD × Stunden × 0,0036

Lux und Lumen taugen nicht: Sie gewichten nach dem menschlichen Auge, das im Grünen am empfindlichsten ist — ausgerechnet dort, wo Pflanzen am wenigsten aufnehmen.

Zielwerte

Stadium PPFD Beleuchtungsdauer DLI
Keimung, erste Wochen 100–150 14 h 5–7,5
Sämlinge ab 3 Monaten 200–300 14 h 10–15
Jungpflanzen, 1. Jahr 300–400 12–14 h 13–20
Adulte Pflanzen im Wachstum 400–600 12 h 17–26

Zum Vergleich: Ein Südfenster im Dezember liefert einen DLI von 2 bis 4, im Juni 20 bis 30. Daran sieht man, wie groß die Winterlücke ist.

Lampenwahl

Vollspektrum-LED sind heute Standard. Entscheidend ist nicht die Wattzahl, sondern die Effizienz in µmol/J — gute Module liegen bei 2,3 bis 2,8 µmol/J.

Reine Rot-Blau-Module („Blurple”) funktionieren biologisch, machen aber eine Beurteilung der Pflanzen unmöglich: Man sieht Verfärbungen, Schädlinge und Fäulnis nicht. Für eine Sammlung, die man ansieht, ist weißes Vollspektrum die bessere Wahl.

Faustformel: Für 0,5 m² Anzuchtfläche mit PPFD 250 genügen etwa 40 bis 50 W LED-Leistung bei 30 cm Abstand.

Abstand und Gleichmäßigkeit

Die Intensität fällt mit dem Quadrat der Entfernung. Halbiert man den Abstand, vervierfacht sich die Lichtmenge — und verbrennt im Zweifel die Sämlinge.

  • 20–30 cm bei Modulen bis 50 W
  • 40–60 cm bei Modulen ab 100 W
  • Die Randbereiche bekommen deutlich weniger Licht als die Mitte; mit reflektierenden Seitenwänden (weiße Folie, Alublech) gleicht man das aus

Wer es genau wissen will, misst mit einem PAR-Messgerät. Günstiger: eine App-basierte Schätzung über die Beleuchtungsstärke, dann mit dem Faktor für weiße LED (ungefähr Lux ÷ 70) in PPFD umrechnen. Das ist grob, aber besser als raten.

Beleuchtungsdauer

14 Stunden sind das sinnvolle Maximum für Sämlinge. Mehr bringt wenig, weil die Photosynthese sättigt, und kostet nur Strom.

Wichtig: Dunkelphase einhalten. Pflanzen verlagern nachts Assimilate und betreiben Atmung. Dauerlicht führt zu Schäden.

Ab dem zweiten Jahr wird die Beleuchtung im Winter heruntergefahren oder ganz abgeschaltet — die Ruhephase ist Voraussetzung für die Blüte, siehe Blühreiz setzen.

Wärme und Luft

LED strahlen kaum Wärme ab, erzeugen sie aber am Kühlkörper. In einem geschlossenen Zimmergewächshaus steigt die Temperatur schnell über 35 °C.

  • Temperatur auf Substrathöhe messen, nicht an der Lampe
  • Für Sämlinge sind 22 bis 28 °C tagsüber ideal, nachts 5 bis 10 Grad weniger
  • Ein kleiner Lüfter sorgt für Luftbewegung — das kräftigt das Gewebe und beugt Pilzbefall vor

Vom Kunstlicht in die Sonne

Der Übergang ist der kritische Moment. Sämlinge unter LED haben keinen UV-Schutz aufgebaut. Werden sie direkt ins Freie gestellt, verbrennen sie innerhalb eines Tages.

Über drei bis vier Wochen schrittweise gewöhnen: erst Schatten, dann Morgensonne, dann voll. Dasselbe gilt für adulte Pflanzen nach der Winterruhe — siehe Standort.

Was es kostet

Ein 50-W-Modul, 14 Stunden täglich über fünf Monate, verbraucht rund 105 kWh. Bei 30 ct/kWh sind das etwa 32 Euro pro Saison. Gemessen am Verlust vergeilter Sämlinge ist das günstig.

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